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Marianne Schmidt-Engel, Anfang 2002
Rückblick und Ausblick
Es war vor mindestens 20 Jahren, als ich eines Tages anhaltende Schmerzen im Bereich des rechten Oberschenkels registrierte. Als Krankenschwester, an medizinischen Infos interessiert, las ich eines Tages, dass Kieselsäure gut sei gegen Hüftbeschwerden, denn als solche ordnete ich die Schmerzen damals ein. Ich sammelte also Schachtelhalm, den es in unserem Garten zur Genüge gab, und trank Schachtelhalm-Tee en masse. Er schmeckte gar nicht so übel, und eines Tages merkte ich, dass die Schmerzen weg waren. "Ein Hoch auf den Schachtelhalm!", dachte ich, "also doch Mangel an Kieselsäure!“ Die war auch sicher nicht nutzlos, doch nach einiger Zeit kehrten die Schmerzen zurück, und keine Kieselsäure konnte mehr etwas daran ändern. Sie verstärkten sich, blieben eine Zeitlang, zogen allmählich auch die Knie in Mitleidenschaft und verschwanden dann auch wieder für eine Weile.
Doch die Pausen zwischen den einzelnen Attacken wurden immer kürzer, die Schmerzen intensiver, und eine Hüftprothese in absehbarer Zeit schien mir inzwischen unausweichlich. Eine Beckengesamtaufnahme (auf meinen Wunsch) zeigt dann aber, dass die Schmerzen vermutlich nicht von der Hüfte ausgehen. Auf wiederholte Nachfragen bei den verschiedenen Ärzten nach den Ursachen der Schmerzen heißt es jedesmal: "Der Schmerz ist muskulär bedingt." Als evtl. Behandlung zur Linderung der Schmerzen erhalte ich die Empfehlung: "Machen Sie grad Ihre KG-Übungen weiter."
Leider kommen bei mir durch Arthrose und Bindegewebsschwäche seit Jahren Probleme mit der Wirbelsäule hinzu. Blockierungen, die wiederholte chiropraktische Korrekturen zur Folge haben, zwingen mich, meinen Tätigkeitsbereich nach 14 Jahren von der Paraplegiologie (Querschnitt-Abteilung) auf die Innere Abteilung zu verlegen. Doch auch hier wird es für mich laufend schwieriger, da die Arthrose es ganz besonders auf meine Daumen-Sattelgelenke (Rhizarthrose) abgesehen hat.
Nach einigen Jahren verschlechtert sich bei mir die Greiffunktion der Hände infolge der Rhitzarthrose bds. enorm, und die Schmerzen verstärken sich täglich. In der Folgezeit verschlimmern sich auch die Schmerzen in den Weichteilen der Arme und Beine kontinuierlich und sind in Ruhestellung ganz besonders quälend. Das hat zur Folge, dass durch den Dauerschmerz und die dadurch resultierenden ungenügenden nächtlichen Erholungsphasen meine psychische Belastbarkeit enorm abnimmt. Außerdem zeigt sich, dass ich den manuellen Anforderungen im Beruf wegen mangelnder Greiffunktion und Kraftlosigkeit in den Händen nicht mehr nachkommen kann.
Im Arthrose-Info der Deutschen Arthrose-Hilfe lese ich erstmals über Fibromyalgie und die Existenz der Deutschen Fibromyalgie-Vereinigung (DFV). Daraufhin lasse ich mir Info-Material schicken, das ich eingehend studiere, wobei sich mein Verdacht, an Fibromyalgie erkrankt zu sein, erhärtet. Auf wiederholte Nachflagen meinerseits bei Arzt- und Gutachterbesuchen, ob es sich bei meinen Schmerzen auch um Fibromyalgie handeln könnte, kommt stets prompt die beinahe empörte Antwort: "Nein, dafür sind Sie gar nicht der Typ!“
Ich bin also gar nicht der Typ dafür! Da bin ich aber froh! Wer möchte denn auch eine Krankheit haben, gegen die man nichts machen kann, mit der man "halt leben muss". In das psychologische Schema, nach dem man die Krankheit angeblich wegen seiner depressiven Veranlagung bekommt, passe ich anscheinend nicht hinein. In diesem Bereich kann ich mich auch nicht recht wiederfinden, ansonsten stimmen meine Symptome aber erschreckend gut mit der Beschreibung überein.
Im April 2001 schließlich muss ich es mir aber leider eingestehen, daß ich, entgegen der gängigen Meinung anscheinend doch "der Typ" dafür bin. Deshalb möchte ich es jetzt genau wissen und lasse mir von der DFV eine Liste mit Adressen von Ärzten schicken, die sich auf die Fibromyaigie-Diagnose spezialisiert haben. Mein Hausarzt schreibt mir eine Übenveisung. Im Mai 2001 konsultiere ich eine Gutachterin (Rheumatologin und Internistin) in Stuttgart, die mir meinen Verdacht auf Fibromyalgie nach eingehender Untersuchung bestätigt.
Im Juni 2001 gibt mir meine Krankengymmnastin eine Apotheken-Zeitung, deren Vorderseite verkündet: Chronische Muskelschmerzen besiegt. Der Artikel im Innern lautet: Deutscher Arzt besiegt Fibromyalgie - Kleiner Schnitt befreit Patienten von chronischen Schnierzen. Und was ich da lese, läßt mich tief durchatmen. Alles ist so verständlich dargestellt und erscheint mir so logisch. Es löst bei mir eine Art Aha-Effekt aus, und sofort hänge ich mich ans Telefon und lasse mir unter der angegebenen Telefonnummer weiteres Prospekt-Material schicken. Die vier Tage bis zum Eintreffen desselben erscheinen mir unendlich lang, denn ich bin sehr gespannt darauf.
Schließlich ist das Info-Material da. Ich überfliege es zuerst, lese etwas gründlicher, und anschließend vertiefe ich mich darin, um die vielen Informationen richtig zu erfassen und einzuordnen. Dort erfahre ich auch, daß die Fibromyalgie meistens an einem der vier Quadranten des Körpers beginnt und nach und nach die anderen befällt. Bei mir war anscheinend der rechte Oberschenkel (der rechte untere Quadrant) die ausenvählte "Startrampe". Nach der Lektüre des Info-Materials ist mir, als sähe ich plötzlich Licht am Ende eines dunklen Tunnels, aus dem ich bisher den Ausweg nicht wusste.
Ich bin ein Mensch von spontaner Entscheidung, deshalb zieht’s mich auch sofort wieder ans Telefon, um einen Termin für eine Konsultation bei Herrn Prof. Dr. Bauer auszumachen. Dieser bringt mir dann im August die Bestätigung dessen, was ich die ganze Zeit schon ahnte. Diagnose: Stark ausgeprägte, generalisierte (Stadium III – alle vier Gliedmaßen betroffen) Fibromyalgie!
Ich entschließe mich zur Operation und beginne auf eigenen Wunsch mit dem linken oberen Quadranten.
Die große Frage: – Und wie geht’s weiter…?
Ja, wie geht sie nun weiter, diese ganze Aktion, in die ich so große Hoffnungen gesetzt habe? Mit meinem Handycap nach der Op gehe ich den Alltag langsam all. Der Wundschmerz ist erträglich. Ab dem zweitem Tag nach der Op spüre ich, dass ich wieder auf der Seite liegen kann, weil die quälenden Schmerzen im Oberarm nachgelassen haben. Ab 3. Post-Op-Tag beginnen Hand und Unterarm abzuschwellen, die Sensibilität auf der Oberseite des Unterarms ist aber noch gestört. Das Drehen des angewinkelten Unterarms (Pronation - Supination) und der Faustschluß sind nun möglich, aber noch schmerzhaft. Ab 4. Post-Op-Tag kann ich den Arm wieder gerade durchhängen lassen.
Ich brauche tagsüber keine Schmerzmedikation. Vorsichtig führe ich die mir vom Arzt aufgetragenen Übungen durch, die sich mit jedem Tag evas fließender und schmerzärmer gestalten. Die Wunde heilt gut, doch merke ich wieder einmal, wie häufig ich mir im Laufe des Tages den Arm anstoße. Ich könnte mich jedesmal selbst schütteln, wenn ich wieder einmal die Kurve zu eng genommen habe und mit dem Ellenbogen die Ecke erwische oder aber mit Arm und Hand zu spontan agiere. Es ist wie nach einer Bauch-Op, erst mit einer Bauchwunde merkt man, wie oft man husten, niesen oder schneuzen muss. Wer’s erlebt hat weiß, wovon ich spreche!
Vierzehn Tage nach der Operation stelle ich erstaunt fest, daß meine linke Hand (Rhizarthrose) schmerzfrei ist. Ich kann es zuerst kaum glauben, da ich mit dieser "Zugabe" gar nicht gerechnet hatte. Nach drei schmerzfreien Tagen wage ich es endlich, diese Tatsache als Op-Erfolg einzustufen.
Acht Wochen nach der Op ist die Wunde gut und sauber verheilt, aber noch nicht ganz schmerzfrei. Auch auf der Oberseite des Unterarmes zeigen sich noch zeitweise Irritationen und eine partielle, ca. zwei Zentimeter lange und einen Zentimeter breite Sensibilitätsstörung auf der Hautoberfläche.
Fast zwölf Wochen nach der Op hat sich die Bilanz weiter verbessert. Die Irritationen auf der Hautoberfläche des linken Unterarmes sowie die Sensibilitätsstörung haben sich im Laufe der zehnten Post-Op-Woche "verabschiedet". Die Myogelosen (knotenartige, sehr schmerzhafte Verhärtungen) in den Ober- und Unterarmen nehmen langsam aber kontinuierlich ab. Was ich erhoffte ist eingetreten, denn der linke und auch der rechte Arm (der rechte obere Quadrant) haben von der Op profitiert und sind weitgehend schmerzfrei. Doch zwölf Wochen Post-Op-Zeit sind zu kurz für die Heilungsphase einer Krankheit, die sich über so viele Jahre entwickelt und mir durch die unerträglichen Schmerzen das Leben erschwert hat. Deshalb bin ich sicher, daß die begonnene Regeneration weiter fortschreitet. Doch schon heute kann ich die Op als Erfolg verbuchen, und wenn da nicht noch die bohrenden, nachts besonders hartnäckigen Schmerzen in den Beinen wären, dann könnte ich mich sicher jetzt schon über eine erholsame Nachtruhe freuen.
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