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Prof. Dr. Dr. med. Johann A. Bauer

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Marianne Schmidt-Engel aus Karlsbad

FMS-Operation
Freitag, 30.11.2001

Heute ist nun endlich der Tag der Operation (Op) gekommen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich mal so auf eine Op freuen, ja, sie sehnlichst herbeiwünschen würde.

Um 4.00 Uhr morgens fahre ich daheim ab, um 5.13 Uhr ab Karlsruhe. Kurz vor 9.00 Uhr erreiche ich München-Hbf und fahre von dort aus noch ein paar Stationen mit der S-Bahn. Anhand des Stadtplanes finde ich sehr schnell den Weg zur Arztpraxis, in der die Op stattfinden soll. Anschließend spaziere ich zu der Pension, in der ich eine Nacht verbringen werde. Dort treffe ich gleich noch ein paar Leidensgenossinen. An Gesprächsstoff fehlt es uns natürlich absolut nicht und es zeigt sich, daß alle der Op sehnsüchtig, hoffnungsvoll und äußerst gespannt entgegensehen. Ich bin zuerst dran und treffe gegen 14.00 Uhr in der Praxis ein.

An der Tür verabschiedet Frau Bauer gerade eine am Arm operierte Patientin, die einen äußerst munteren und fröhlichen Eindruck macht. Ich finde diese Begegnung sehr ermutigend. Ich erfahre, daß ich noch eine Weile warten muß, da die nächste Patientin gerade operiert wird.
 
Um 14.30 Uhr ist es dann für mich so weit. Nachdem ich Schuhe und Pullover ausgezogen habe, strecke ich mich auf der Op-Liege aus. Eine Knierolle ermöglicht entspannte Lagerung. Am rechten Arm wird ein venöser Zugang gelegt und für evtl. leicht sedierende Medikation mit NaCl offengehalten. Ich möchte aber keine Beruhigungsmittel, da ich weder aufgeregt noch verspannt bin. Außerdem lasse ich mir die einmalige (?) Gelegenheit, den Verlauf einer spannenden (zumindest für mich) Op zu verfolgen, nur ungern entgehen. Der linke, zu operierende Arm wird nun durch Leitungsanästhesie schmerzfrei gemacht. Nachdem die Einstichstelle auf der Innenseite des Oberarmes durch eine kleine Injektion leicht betäubt wurde, wird das Anästhetikum über den Katheter eingebracht. Durch eine auf die Schulter geklebte Elektrode und leichte Stromzufuhr kann die Injektion in die verschiedenen Nervenäste genau kontrolliert werden. Es ist faszinierend, die unterschiedlichen Reaktionen der Hand und der Finger zu beobachten, über die man absolut keine Kontrolle hat. Vor der Plexus-Anästhesie hat mir eigentlich am meisten gegraut, aber ich bin angenehm überrascht, denn durch die Betäubung der Einstichstelle erscheint mir
die ganze Prozedur sehr human.

Nun wird das Blut durch eine, von den Fingerspitzen Richtung Oberarm stramm gewickelte Gummibinde aus der Hand gepreßt, bevor durch die Stau-Manschette am Oberarm eine größtmögliche Blutleere erreicht wird. Ich betrachte meinen Arm und habe das Gefühl, daß er gar nicht mehr zu mir gehört. Er ist schneeweiß, fast wie Schneewittchens Haut, nachdem ihm das Apfelstückchen im Hals stecken geblieben war.

Nach der Behandlung meines Armes mit Sprühdesinfektion verschwindet er aus meinem Gesichtsfeld, denn sterile Tücher versperren mir nun die Sicht. Der Operateur, Herr Prof. Bauer, und die Op-Schwester sind inzwischen auch in ihrer
sterilen Kluft. Die „Hauptdarstellung“ beginnt.

Im Op herrscht eine angenehme, entspannte und beinahe familiäre Atmosphäre. Da ich nicht sediert bin, ist eine ganz normale Unterhaltung während der Op möglich, und ich glaube, unsere Gesprächsthemen decken eine enorme Breite der Möglichkeiten ab.
Da ich mich vorher mit dem Ablauf der Op weitgehend vertraut gemacht habe, kann ich den Fortschritt verfolgen, denn Berührung, Zug, Druck usw. sind durchaus spürbar, obwohl der Schmerz ausgeschaltet ist. Das Angebot, bei Bedarf etwas Anästhetikum nachgespritzt zu bekommen, nehme ich im Laufe der Op war, als der Eingriff in die Tiefe geht und etwas unangenehm wird. Den vorgeschlagenen Dämmerschlaf lehne ich trotzdem ab.

„Das ist ja heller Wahnsinn“ höre ich Herrn Prof. Bauer irgendwann sagen, und das bestätigt mir, daß diese Op durchaus ihre Berechtigung hat und ich nicht grundlos in München aufgekreuzt bin. Die Operateure arbeiten mit ganzem Einsatz, denn die „Ausbeute“ ist hoch und muß in einer Stunde bewältigt sein, da die Blutleere im Arm nicht länger andauern sollte.

Doch nun spüre ich schon das Koagulieren (Verschweißen) kleiner Blutgefäße, das Schließen der Intracutannaht und plötzlich ein Kribbeln in der ganzen Hand, denn es kommt wieder Leben hinein. Die Staumannschette wurde geöffnet, das Blut strömt wieder durch Arm und Hand. Schneewittchen, ade ! Der Arm gehört nun auch farblich wieder zu mir und wird verbunden.

Die Op ist beendet, Teile des Ergebnisses präsentieren sich mir auf einer Kompresse. Die unerwünschten „Christbäumchen“, die die Meridiane verstopften, sind größer, als ich mir vorgestellt habe. Da mein Kreislauf mir noch nie einen Streich gespielt hat, kann ich die Liege nach der Op auch problemlos verlassen. Trotzdem gönne ich mir noch eine „Verschnaufpause“, trinke einen Schluck Wasser und esse ein Stück vom Brötchen.

Ich bin überrascht und erfreut, daß Herr Prof. Bauer sich noch zu einem Nachgespräch zu mir setzt, denn schließlich folgt gleich die nächste Op, und eigentlich ist die Regenerationsphase zwischen den Operationen für ihn ohnehin äußerst knapp bemessen.

Inzwischen bin ich startbereit, um zu meiner Pension zu pilgern, und muß gleich die ersten Hürden überwinden. Meine Skimütze gleitet mir beim Überziehen mit einer Hand erst ein paar Mal ab, bevor sie an einer Seite des Kopfes Halt findet und in Position rutscht. Es regnet, und mein Schirm hat keine Automatik. Wie kann ich ihn mit einer Hand hochdrücken und einrasten lassen ? (Auseinanderfallen lassen und den Boden oder eine Wand als Widerstand benutzen !)

Inzwischen hat sich die Anästhesie leider verflüchtigt und der Wundschmerz eingestellt. Ich nehme eine Schmerztablette (Vioxx 25) und versuche, so gut es geht, mit der nicht operierten Hand klarzukommen. Die Schwierigkeiten stecken nämlich im Detail: Wie zieht man seine Hose mit einer Hand hoch, wenn man auch das Hemd noch reinstecken möchte ? Wie reißt man das Toilettenpapier ab, wenn die fast leere Rolle dauernd hinterhergespurtet kommt ? Wie kriegt man Zahnpasta auf die Zahnbürste, die absolut nicht liegenbleiben will ? (Zahnpasta zuerst in den Mund).

Es ist zwar noch früh am Abend, doch zum Lesen habe ich überhaupt keine Lust. Deshalb nehme ich die Fernbedienung zur Hand und zappe durch die verschiedenen Fernseh-Programme und finde nichts, was mich interessiert ! Also ruhe ich mich einfach ein wenig aus und lasse den heutigen Tag noch einmal Revue passieren. Später nehme ich noch einmal eine Schmerztablette, denn jede unwillkürliche Bewegung der Finger ist quälend. Und da ich zwischen den zur Ruhe verurteilten und dicht aneinandergelegten Fingern schwitze, flechte ich mir ein Taschentuch hindurch. Das aber spreizt die Finger, was wiederum schmerzt. Also falte ich dünne Lagen des Papiertaschentuchs und deponiere sie mit Hilfe einer Nagelfeile vorsichtig in die engen Zwischenräume.

Irgendwie findet sich in dieser Nacht immer wieder eine Möglichkeit, den Arm zu lagern und ein bißchen zu schlafen. Früh stehe ich auf, da ich , bei meinem Schneckentempo mit dem operierten Arm, für jede Tätigkeit viel mehr Zeit brauche. Und sofort wird’s wieder kompliziert. Der Strumpf will nicht über den Fuß. Bleibt er an einer Seite etwas hängen, rutscht er mir auf der anderen wieder ab. Irgendwann klammert er sich am großen Zeh fest, das ist mein Glück.

Beim zweiten Strumpf habe ich dann schon etwas mehr Übung. Der Reißverschluß wird mit den Zähnen festgehalten. Die Schuhe haben vorsorglich Klettverschluß, aber im Bad wird’s dann schon wieder schwierig. Wie handhabt man das Deo-Spray, wenn man mit der rechten Hand in die rechte Achselhöhle sprühen will und der Daumen wegen Arthrose nicht brauchbar ist ? Als ich das Deo nämlich auf den Kopf halte, funktioniert gar nichts mehr ! Das Desinfektionsmittel, das meine Hand gelb gefärbt hat, wage ich noch nicht wegzuwachen, da jede Bewegung der Finger schmerzt.

Beim Frühstück gibt es lauter kleine Portionen (schrecklich) ! Marmelade, Honig, Wurst, Käse, Butter, Kondensmilch ....! Jetzt weiß ich erst, wie es meinen Tetra-Patienten früher ging mit ihrer minimalen Handfunktion. Beim Ei habe ich dann das Problem, daß ich zwar das Hütchen abnehmen kann, aber als ich das Eigelb mit dem Löffel rausholen will, dreht sich das komplette Ei fleißig mit, und ich komme nicht vom Fleck. Eine aufmerksame Nachbarin hält mir das Ei freundlicherweise fest, woraufhin ich das Eigelb endlich mal probieren darf. Irgendwie findet sich für alles eine Lösung, und um 9.00 Uhr stelle ich mich meinem Operateur in der Praxis wieder vor. Der erste Verbandswechsel erfolgt.

Die Wunde sieht gut aus und wird nur noch mit einem Pflaster abgedeckt. Und lediglich, weil ich noch mit der Bahn heimfahre, bekomme ich für die Fahrt noch einen Polster-Schutzverband, den ich zu Hause gleich entfernen darf. Einige Anweisungen zur Mobilisierung des operierten Armes erfolgen, ich erhalte meinen Op-Bericht, und dann bin ich entlassen.

Ich gehe zur S-Bahn-Haltestelle und erwische sehr bald eine Bahn Richtung Hauptbahnhof. Meinen operierten Arm stütze ich, indem ich die Hand in den halb heruntergezogenen Reißverschluß der Jacke einhänge. Als ich ihn währen der Fahrt einmal ausziehe, blickt mich die mir gegenüber sitzende Frau ganz entsetzt an. „Was haben Sie denn mit der Hand gemacht ?“, fragt sie. Ich erkläre ihr den Grund der gelben Hand, und sie ist beruhigt. Nach 45 Minuten Aufenthalt fahre ich mit dem EC über Heidelberg nach Karlsruhe und von dort mit der Straßenbahn weiter. Die gesamte Heimfahrt verläuft problemlos, kurz nach 15.00 Uhr bin ich zu Hause.

Ich denke, es besteht nun die Gefahr, daß mein etwas lockerer Schreibstil dazu verleitet, die ganze Aktion als Bagatelle abzutun. So einfach ist es aber nicht. Doch nach jahrelangen quälenden Schmerzen und kontinuierlichem Schlafentzug ist man zu hohem Einsatz bereit, sowohl was kurzzeitige zusätzliche Schmerzen, Risiken und auch finanzielle Mittel angeht. Ich kann heute sogar verstehen, daß derart geplagte Menschen zu dubiosen Mitteln greifen und auf Scharlatane hereinfallen in der Hoffnung auf Hilfe, Heilung und Unterbrechung des oft so aussichtslosen Kreislaufs von zermürbendem Dauerschmerz und dadurch strapaziertem, „dünn“ gewordenen „Nervenkostüm“.

Deshalb bin ich froh, daß sich hier eine Möglichkeit der Hilfe aufgetan hat und hoffe sehr, daß sie den gewünschten und erhofften Erfolg bringen wird.

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