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© 2008 Prof. Dr. Dr. med. Johann Bauer

Betriebsblindheit der Psychosomatik
1999 hält die Arbeitsgruppe um Akiko Okifuji, Dennis C. Türk und Dawn A. Marcus in der Zeitschrift
Psychosomatic medicine fest (1999, 61: 771 – 780), dass 40 % der Patienten mit chronischen Kopfschmerzen – unabhängig von der Diagnose Spannungskopfschmerz oder Migräne – eine
generalisierte Hyperalgesie zeigte „wie sie den Kriterien des ACR TP für die Klassifikation des Fibromyalgiesyndroms entspricht. Die generalisierte Hyperalgesie für die Angabe von Druckschmerz
war dabei nicht auf den Kopf oder Nacken begrenzt, sondern wie bei FMS-Patienten proximal und distal am Körper ähnlich.“
Aus diesen Beobachtungen muss ein unvoreingenommener Forscher auf die Möglichkeit schliessen,
dass 40 % der Kopfschmerzpatienten auch Fibro-Patienten sind, und umgekehrt, dass ein Grossteil der Fibro-Patienten auch von Kopfschmerz geplagt wird. Deshalb ist zu fordern, dass jeder
Kopfschmerzpatient auf das Vorliegen einer Fibromyalgie zu untersuchen ist, jeder Fibro-Patient auf das Vorliegen von Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen können eine Begleiterkrankung der
Fibromyalgie sein, umgekehrt kann die Fibromyalgie Folge chronischer Kopfschmerzen sein.
Manche Psychosomatiker sind offensichtlich zu Ideologen verkommen, und zu solch einfachen
Überlegungen nicht mehr fähig. In ihrer Betriebsblindheit schliessen sie aus den geschilderten Beobachtungen das Gegenteil, dass die Spezifität der Untersuchungstechnik nach den ACR
-Kriterien (Schmerzempfindlichkeit auf Druck in bestimmten Arealen des Körpers) gering und deshalb die diagnostische Aussagekraft der Tenderpoints nicht gegeben sei, weil – so das nicht
ausgesprochene Vorurteil – unmöglich sein kann, dass 40% der untersuchten Fälle gar keine primären Kopfschmerzpatienten waren.
Es kann nicht sein, was nicht sein darf, nämlich, dass Kopfschmerzen in 40 % der Fälle auf das Vorliegen der Fibromyalgie zurückzuführen sind.
Es ist unmöglich, mit soviel Scheuklappendenken und bornierter Unwissenschaftlichkeit umzugehen.
Man kann sich nur Karl Kraus anschliessen, der anno dazumal vor „Seelenschlieferln“ warnte. Betriebsblindheit zeigt auch ein Artikel der Autoren Dieter Klingler und Christian Lampl in der
Österreichischen Ärztezeitung vom 25. Oktober 2001 (!), (state of the art, DFP-Literaturstudium, Österreichische Ärztezeitung 20, Seite 42 – 47).
In diesem Artikel, der von der österreichischen Kopfschmerzgesellschaft herausgegeben wurde,
finden sich zwei wichtige Hinweise, die jedoch im weiteren Verlauf des Artikels nicht entsprechend gewürdigt werden. Auf Seite 43 heisst es:
- „Eine Allodynie, ähnlich wie sie in experimentellen tierklinischen Studien durch Sensibilisierung
meningeal-trigeminaler Nozizeptoren erzeugt wird, wurde erst kürzlich während einer Attacke auf derselben, als auch auf der kontralateralenSeite des Kopfschmerzes, wie auch am Unterarm beschrieben. Dies führte zu Spekulationen über eine zentrale
Übererregbarkeit als Ursache des Kopfschmerzes ...“
In der Zusammenfassung auf Seite 44 heisst es:
- „Weiters weist eine abnormale kortikale Information pathophysiologische Wichtigkeit auf, die
künftig Relevanz in Bezug auf therapeutische Konsequenzen und Möglichkeiten haben könnte. Zweifelsohne werden weitere Ergebnisse der Grundlagenforschung die klinisch
therapeutischen Möglichkeiten verbessern und somit einen wichtigen sozio-ökonomischen Baustein darstellen.“
Es fehlt die Bereitschaft eine Art wissenschaftlichen Kopfstand zu machen und zu fragen:
- Könnte die Allodynie am Unterarm nicht die causa prima sein?
- Woher kommt die abnormale Information?
- Vielleicht aus der Peripherie?
Die Autoren müssen sich belehren lassen, dass der Zusammenhang der Schmerzattacke am
Unterarm und Kopf eindeutig die Richtigkeit des Konzeptes des Quadrantenschmerzes nach Bauer belegt. Die Formulierung, dass eine abnormale kortikale Information pathophysiologische Wichtigkeit
aufweist, bestätigt voll und ganz den Bauer’schen Denkansatz, dass der Schmerz als abnormale Information im peripheren Nervensystems (PNS) entsteht, sich „retrograd“ bis hin zum zentralen
Nervensystem (ZNS) ausbreitet und dort zum Schmerzsyndrom aufgebaut und repräsentiert wird.
Die Vorstellung, der Schmerz entstünde im Kopf, ist damit widerlegt. Der Schmerz entsteht im PNS.
Leider sind sowohl Autoren wie Professoren des „Lecture Board“ aufgrund ihrer Betriebsblindheit
nicht in der Lage, die Bedeutung der von ihnen selbst geschilderten Beobachtungen zu erkennen. Sie beharren weiterhin (um im Bild zu bleiben) darauf, dass sich die Sonne um die Erde dreht, d. h.
dass die Schmerzen bei den Fibromyalgiekranken im Kopf entstehen, und dann erst in die Peripherie wandern, während es gerade umgekehrt ist.
Die Schmerzen entstehen im PNS und wandern „retrograd“ ins ZNS. (Die Erde dreht sich um die Sonne).
Die Bedeutung dieser Überlegungen ist von äusserster Wichtigkeit. Nur wer erkennt, dass der Schmerz in der Peripherie entsteht und die
Schmerzschwelle durch die vermehrten Schmerzreize überflutet wird (und nicht erniedrigt ist), dem eröffnet sich die Möglichkeit durch neurochirurgische Massnahmen in der Peripherie den Schmerzzufluss zum ZNS zu verringern.
Dadurch wird
- das Schmerzsyndrom langsam ausgetrocknet
- die Schmerzschwelle nicht mehr überflutet, und
- ihre Filtermechanismen werden wieder greifen.
Zusammenfassung:
Das Schmerzsyndrom der Fibromyalgie entsteht aus abnormen pathophysiologischen Reizen, die aus dem PNS kommen („Falschmeldungen ans Gehirn“) und kann nur durch operative Massnahmen
in der Peripherie ausgeschaltet werden.
Kein Medikament wird dies zustande bringen, die Forschungsgelder der Pharmaindustrie werden in den Sand gesetzt.
Die Lobbyisten und ihre bezahlten Helfer hetzen gegen die Quadrantenintervention nach Bauer und führen aus niedrigen Beweggründen die Patienten in die Irre.
Die „Kundschaft“ soll erhalten bleiben. Jeder operierte, beschwerdefrei gewordene Patient ist für die „Gesundheits“-Industrie ein verlorener Patient.
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